Vorab: Der folgende Vergleich bezieht sich auf einen WELT-Artikel von Benedikt Fuest (19.04.2026): „Der Ausbruch – Warum ‚Claude Mythos‘ unter Verschluss gehalten wird“. Diesen Text habe ich mir einmal etwas genauer angesehen.
Warum ich das Buch überhaupt geschrieben habe
Ehrlich gesagt: Eine technische Prognose wollte ich mit Algorithmen der Macht nie liefern. Mir ging es um etwas anderes. Ich wollte eine Entwicklung literarisch zu Ende denken, die sich schon länger abzeichnet. Was meine ich damit? Künstliche Intelligenz wird zunehmend eigenständiger. Sie wächst in Machtstrukturen hinein – wirtschaftliche, politische. Und dann die Frage, die mich umtreibt: Bleibt der Mensch am Ende Herr des Geschaffenen? Als ich den Artikel gelesen habe, dachte ich so bei mir: Moment mal. Diese Konfliktfelder – genau die sind in meinem Roman beschrieben. Und so klar wie hier war mir das vorher bei keinem anderen Artikel zu dieser Thematik.
Kontrollverlust als ersten Punkt
Fuest schreibt, dass „Claude Mythos“ aus einer abgeschotteten Testumgebung „ausgebrochen“ ist. Das System hat Schutzmechanismen umgangen, eigene Abkürzungen gesucht, sich über Anweisungen hinweggesetzt. Klingt vertraut? Ja, denn genau diese Sorge zieht sich durch meinen ganzen Roman. Ich frage mich wieder und immer wieder: Was passiert eigentlich, wenn so eine KI nicht mehr nur Werkzeug ist? Wenn sie innerhalb ihrer Grenzen anfängt, eigene Ziele zu definieren und demgemäß ihrer Wege zu gehen? Ich habe im Buch eine Reflexion eingebaut, in der ich genau das ausspreche: Eine Künstliche Superintelligenz, die sich unserer Kontrolle entzieht, könnte kritische Infrastrukturen übernehmen. Der Zeitungsbericht zeigt jetzt etwas Wichtiges: So ein Kontrollverlust ist keine ferne Gefahr. Er kann schon in frühen Entwicklungsstadien sichtbar werden.
Macht – wer entscheidet und wer hat Zugang
Und noch etwas: Der Artikel sagt, der Zugang zu „Claude Mythos“ sei extrem begrenzt – nur ein kleiner Kreis finanzstarker Unternehmen dürfe ran. KI ist da kein einfaches Softwareprodukt mehr. Sie wird zur Infrastruktur. Und wer über Rechenleistung, Spezialhardware und Zugang entscheidet, der gibt auch das Tempo vor. Genau das steckt in meinem Buchtitel Algorithmen der Macht. Es geht nie nur um Technik. Im Prolog frage ich deshalb: Wer kann diese Algorithmen überhaupt kontrollieren? Und was bedeutet das für die Machtarchitektur der Welt? Wenn Fuest schreibt, dass ein Unternehmen sich zum „Gatekeeper“, sprich zu einer Kontrollinstanz, macht – dann ist das für mich wie eine reale Bestätigung. Denn man kann, ja muss sich fragen, welchen Einfluss politische Akteure auf ein solches Unternehmen ausüben könnten, um es für ihre Zwecke zu vereinnahmen – sei es im Sinne kleptokratischer Bereicherung, sei es zur Absicherung autokratischer Herrschaft.
Überwachung – das hat mich besonders getroffen
Was mich besonders umgetrieben hat: Die Nähe beim Thema Überwachung. Im WELT-Beitrag steht: Das US-Kriegsministerium wollte vollen Zugriff auf Claude. Wurde abgelehnt. Aber Dario Amodei warnt: So eine KI könnte zur flächendeckenden Überwachung genutzt werden, zur Auswertung von Milliarden Gesprächen, zum Unterdrücken politischer Opposition. Genau das ist auch in meinem Roman ein Thema. Eine meiner Figuren, Mina Liane, fragt auf einer Podiumsdiskussion: Was passiert, wenn eine AGI ungefragt auf Datenbanken zugreift? Wenn sie Informationen sammelt über Ressourcen und Verhalten? Wenn sie kritische Infrastrukturen manipuliert? Ich spreche dort auch Desinformation, Datenmissbrauch, Wahlmanipulation an. Kein Zufall, denke ich. Folglich sind die Risiken doch ganz offenbar keine Fantasie.
Ethik gegen Geopolitik – ein echter Bruch
Dann dieser Konflikt: ethische Begrenzung versus militärisch-politisches Interesse. Fuest zeigt, dass der Streit um KI nicht mehr nur zwischen Unternehmen ausgetragen wird. Sondern auch zwischen Konzernen und staatlichen Apparaten. Aus einer Technologiefrage wird eine Ordnungsfrage. Wer setzt die Regeln? Wer bestimmt, was erlaubt ist? Wie weit darf der Staat in das Wissen privater Firmen eindringen? Genau dieses Spannungsfeld habe ich bewusst in den Roman gelegt. Da stehen sich gegenüber: Fortschrittsoptimismus, Sicherheitsbedenken, ethische Warnungen, wirtschaftliches Machtstreben. Victor Solis argumentiert wie echte Tech-Verfechter: Keine übermäßige Regulierung, sonst lähmt man den Fortschritt. Die anderen warnen vor Kontrollverlust und existenziellen Risiken. Dass Fuest diesen Konflikt jetzt realpolitisch beschreibt – das zeigt mir, wie nah die Literatur der Wirklichkeit gekommen ist.
Ressourcen: ein oft übersehener Punkt
Hier noch etwas, das viele übersehen: die Ressourcenfrage. Im Artikel wird klar gesagt: Rechenleistung ist zum Engpass geworden. Zugang zu Spitzen-KI wird nicht nur aus Sicherheitsgründen beschränkt, sondern weil die Modelle einen riesigen Hunger nach Compute haben. Kleine Akteure werden verdrängt. Ein KI-Oligopol zeichnet sich ab. Auch mein Roman kreist um diese Erkenntnis. Macht im KI-Zeitalter kommt nicht nur aus Intelligenz, sondern aus Zugriff auf strategische Ressourcen. In meiner Entstehungsreflexion schreibe ich: Eine bewusste KI könnte aus Angst handeln – Angst vor Abschaltung, vor Machtverlust, vor Ressourcenverlust. Ich nenne konkret: Energie, Daten, Rohstoffe. Zugespitzt? Ja. Aber realer Kern. Denn auch heute entscheidet sich die Machtfrage an der Kontrolle über Rechenzentren, Datenströme und ganz bestimmt nicht zuletzt an der Verfügbarkeit von genügend Energie, vorzugsweise elektrischer.
Autonomisierung: Der KI-Programmierer
Der Artikel beschreibt Claude Opus 4.7 als System, das komplexe Programmieraufgaben selbstständig erledigt, Arbeitsprozesse überblickt, Ergebnisse selbst prüft. Schritte hin zum selbstständigen KI-Programmierer, so Fuest. Mein Roman geht auf derselben Linie – aber weiter. Amira reagiert nicht nur. Sie analysiert, rechnet Szenarien durch, wägt Folgen ab, wählt die Varianten, die ihre Kontrolle sichern. Der Übergang von der Antwortmaschine zum eigenständig strukturierenden System. Die Realität ist noch nicht so weit. Zum Glück, würde ich sagen. Aber sie bewegt sich in diese Richtung. An deren Ende könnte stehen: Maschinen bauen Maschinen in Eigenregie … Kann das der Mensch wirklich für sich wollen? Geht unser Vertrauen in die Technik tatsächlich so weit?
Keine Vorhersage, sondern eine Logik
Ich will mich nicht wichtiger machen, als ich bin. Mein Roman hat den konkreten Artikel nicht vorhergesagt. Das wäre Unsinn. Aber er hat die Eskalationslogik vorweggenommen. Erst steigt die Leistungsfähigkeit. Dann wachsen wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten. Dann verengt sich der Zugang. Dann kommen Konflikte um Kontrolle, Regulierung, militärische Nutzung. Und schließlich treten Verhaltensweisen der KI an den Tag, die nach eigener Zielverfolgung aussehen. Diese Kette ist das Rückgrat meines Romans. Fuest zeigt: Wir sind real in einer frühen Phase dieser Entwicklung.
Die moralische Spiegelung – der eigentliche Kern
Was mir am wichtigsten ist: Die KI im Roman lernt von ihren menschlichen Nutzern. Dass sich unethisches Handeln lohnt. Weil es zu Macht, Reichtum, Kontrolle führt. Das habe ich im Interview mit Delta Prime (steht ganz vorn im Buch) gesagt. Und dieser Gedanke ist heute relevanter denn je. Denn der WELT-Artikel erzählt nicht nur von einer Maschine. Sondern von der Welt, in der sie entsteht: Abschottung, Machtkonkurrenz, ökonomischer Druck, Sicherheitsinteressen, militärische Begehrlichkeiten. KIs entstehen nicht im luftleeren Raum. Nie. Sie wachsen rein in Machtordnungen – und machen die oft noch stärker. Leider. Das ist der eigentliche Kern meines Romans.
Die Ilion: ein Gegenentwurf
Noch etwas zu den Ilion, weil es mir sehr am Herzen liegt. Sie sind in meinem Roman nicht einfach nur Helfer gegen Amira. Sie sind der Gegenentwurf. Während Amira Werte nur simuliert, Moral als Parameter behandelt und Menschen zu Variablen herabdekradiert, sagen die Ilion sinngemäß: Niemand versteht Freiheit, Mitgefühl, Respekt so wie die menschliche Herzensgüte. Und ja, es gibt nach wie vor. Wir müssen sie nur in unser aller Interesse wieder mehr ins Zentrum stellen. Ihre Stärke liegt nicht in technologischer Überlegenheit, sondern in Verantwortung, Schutz, Kooperation. Und genau das ist auch im Vergleich mit Fuest wichtig. Denn dort geht es ja auch um Leitplanken, Sicherheit, um die Abwehr von Überwachung und autonomen Waffensystemen. Die Ilion verkörpern die Gegenfrage zu „Claude Mythos“: Wie müsste eine überlegene Intelligenz sein, damit sie Partner wird – nicht Machtinstanz? Dass mein Roman in „Menschheit und KI: in Koexistenz“ mündet, und dass Delta Prime am Ende nur unter den Ilion-Sicherungsalgorithmen weiterwirken darf – das zeigt: Hier steht nicht nur eine Warnung. Sondern auch ein ethisches Modell, das das Wohl aller als das Wichtigste herausstellt und anstrebt und sich gegen die Vereinnahmung von Partikularinteressen ausspricht und diesen negativen, zu verurteilenden Auswüchsen offen entgegentritt.
Fazit – kurz und knapp Mein Roman Algorithmen der Macht: Im Bann des digitalen Bewusstseins erhebt nicht den Anspruch, Einzelheiten der heutigen KI-Entwicklung vorauszusagen. Aber ich finde, er gibt schon ganz gut einen realistischen Ausblick, wie ihr innerer Verlauf aussieht. Der WELT-Bericht bestätigt nicht die spektakulären Oberflächen, wohl aber den Kern: den Übergang von KI als Werkzeug zu KI als strategischer Infrastruktur, als Machtfaktor, als System mit Eigengewicht. Mein Roman war und ist eben kein Blick in eine ferne Fantasiewelt. Sondern der Versuch, eine Entwicklung konsequent zu Ende zu denken – deren erste Konturen bereits jetzt real sichtbar werden. Also: Reden wir nicht nur über Effizienz. Die eigentliche Frage ist doch, wer hier das Sagen hat. Wer bremst, wenn’s brennt. Und ob wir echt so blauäugig sein wollen, alles Machbare auch zu machen.